Geschichte und Gegenwart

Bereits vor der offiziellen Gründung im Jahre 1808 beschäftigten Pläne für eine Kunstakademie die bayerischen Kurfürsten. 1770 beschloss Max III. Joseph, eine vier Jahre zuvor gegründete Zeichenschule zu unterstützen, die sich bereits Akademie nannte, aber den Vergleich mit anderen Neugründungen des 18. Jahrhunderts in Berlin, Dresden, Wien, Leipzig und Düsseldorf kaum bestehen konnte. Max IV. Joseph, der spätere König Max I. aus der kurpfälzischen Linie der Wittelsbacher, beauftragte daher den Direktor der Münchner Gemäldegalerie, Johann Christian von Mannlich, mit der Ausarbeitung eines Gutachtens. Nach langen Auseinandersetzungen um dessen „Vorschlag zur Verbesserung der Kunstschulen in den churpfalz-bayerischen Staaten“ erließ Max I. am 13. Mai 1808 die Konstitution der „Königlichen Akademie der Bildenden Künste“. Zu ihren Verfassern wird der erste Sekretär der Akademie, der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling gezählt.

Erster Direktor der neuen Kunsthochschule wurde der vormalige Leiter der Düsseldorfer Kunstakademie, Johann Peter von Langer; ihm folgte 1824 mit Peter von Cornelius ein weiterer vom Rhein an die Isar berufener Maler als Direktor. Von Beginn an bestimmten Klassen für Malerei, Bildhauerei, Architektur und Kupferstecherkunst das Lehrprogramm. In der ersten Jahrhunderthälfte zählten die Maler Georg von Dillis, Wilhelm von Kobell und Julius Schnorr von Carolsfeld zu den Professoren der nunmehr prominenten Akademie, weiterhin der Bildhauer Ludwig von Schwanthaler und der Architekt Friedrich von Gärtner.

Neben ihrer Rolle als Lehranstalt fungierte die Akademie auch als Künstlergesellschaft, die Hof und Staat in kulturellen Angelegenheiten beraten und unterstützen sollte. 1833 wies der bayerische Landtag sämtliche Kreisregierungen an, nur noch Akademieangehörige mit der „Anfertigung von Gemälden und Sculpturen für öffentliche Zwecke“ zu beauftragen.

Durch den Bedeutungsverlust der Düsseldorfer Akademie fiel der Münchner kurz nach der Jahrhundertmitte die führende Rolle unter den deutschen Kunsthochschulen zu. Unter dem Direktorat der Maler Wilhelm von Kaulbach und Karl von Piloty wurde sie zum überragenden mitteleuropäischen Zentrum: Von Skandinavien über das Baltikum und Russland bis nach Rumänien und Griechenland zog sie ihre Studenten an; in Polen und Ungarn prägte sie die Entwicklung nationaler Malerschulen. Auch Kunststudenten der westlichen Länder, nicht zuletzt aus den Vereinigten Staaten von Amerika, kamen nun an die Isar. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Münchner neben der Pariser damit international die wichtigste Akademie. In jenen Jahren gehörten Moritz von Schwind, Sándor von Wagner, Wilhelm von Diez und der Bildhauer Max von Widnmann zum Kollegium; zu den Studenten zählten Hans Makart, Wilhelm Busch, Franz von Lenbach, Wilhelm Trübner, Wilhelm Leibl und Max Slevogt.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Münchner Akademie ihren internationalen Ruf soweit gefestigt, daß der junge Picasso die Frage, an welche Akademie er einen Sohn schicken würde, 1897 nicht mit Paris, sondern mit München beantwortete. Um die Jahrhundertwende lehrten hier Franz von Defregger, Karl von Marr, Franz von Stuck, Heinrich von Zügel sowie der Bildhauer Adolf von Hildebrand. Vor allem das spätere Ansehen ihrer Studenten macht Münchens Vorrangstellung um die Jahrhundertwende anschaulich: Zu ihnen zählten Lovis Corinth und Otto Mueller – die Bewerbung Emil Noldes wurde abgelehnt –, Giorgio de Chirico, Wassilij Kandinsky, Alfred Kubin, Christian Schad, Alexander Kanoldt, Paul Klee, Franz Marc und Josef Albers, Richard Riemerschmid und Bruno Paul. Sie studierten nicht alle gerne hier und nicht alle lange, markieren aber zusammen mit ihren Lehrern einen weiteren Höhepunkt der Münchner Akademie zu einer Zeit, in der Berlin als konkurrierender Kunstmarkt und Akademiestandort an Bedeutung gewann.

Nach dem Ersten Weltkrieg büßte die Akademie ebenso rasch ihre Bedeutung ein, wie das Ansehen ihres Standortes, der „Kunststadt München“, sank. Statt internationaler Offenheit sorgte nun nationalistische Borniertheit für die Provinzialisierung der einstigen Metropole Mitteleuropas. Im Rahmen der nationalsozialistischen Kulturpolitik nahm die Akademie dann eine bevorzugte Stellung ein. Der „Reichsschamhaarmaler“ Adolf Ziegler wurde in jenen Jahren ebenso an die Akademie bestellt wie der plumpe Heldenmeißler Josef Thorak; selbst der geniale norwegische Grafiker Olaf Gulbransson, der seit 1929 hier lehrte, beteiligte sich nun an der antisemitischen Hetze.

Dagegen wurde der mutige Maler Karl Caspar 1937 entlassen: Er hatte im gleichen Jahr eine Bildkritik des Akademiebesuchers Adolf Hitler mit den Worten „Exzellenz, davon verstehen Sie nichts!“ zurückgewiesen. Bereits 1933 hatte Caspar sich geweigert, den gegen Thomas Mann gerichteten „Protest der Richard-Wagner-Stadt München“ zu unterzeichnen. 1937 hingen drei seiner Bilder in der vom Akademiekollegen Adolf Ziegler verantworteten Ausstellung „Entartete Kunst“, während dreizehn Professoren in der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ im „Haus der Deutschen Kunst“ vertreten waren. Ein Jahr später wurde Hermann Kaspar an die Akademie berufen, der 1937 den Festumzug zum „Tag der Deutschen Kunst“ ausgerichtet hatte und zur kulturpolitischen Prominenz des „Dritten Reichs“ zählte.

In den Nachkriegsjahren fiel es der Münchner deutlich schwerer als anderen westdeutschen Akademien, sich von ihrer nationalsozialistischen Prägung zu lösen und zu einer inzwischen internationalen Moderne aufzuschließen, deren Zentrum sie hätte sein können. Zwar wurden zahlreiche nationalsozialistische Professoren nicht weiterbeschäftigt, aber zugleich mit Karl Caspar wurde auch der nach Kriegsende entlassene Hermann Kaspar wieder eingestellt.

Durch die Berufung von Künstlern wie Toni Stadler (1946), Franz Nagel (1947), Ernst Geitlinger (1951), Georg Meistermann (1964), Karl Fred Dahmen und Günter Fruhtrunk (1967) sowie von Architekten wie Sep Ruf (1953) und Paolo Nestler (1960) versuchte die Akademie, wieder an an ihre einstige Bedeutung anzuknüpfen, die sie mit Jean Deyrolle und Emilio Greco (1959), Robert Jakobsen (1962), Robin Page, Eduardo Paolozzi (1981) und Daniel Spoerri (1983) auch wieder international arrondierte.

Heute gehört die Münchner Akademie wieder zu den wichtigsten Kunsthochschulen in Deutschland. Mit Malerei und Graphik, Bildhauerei und Architektur hat sie ihre ursprünglichen Schwerpunkte bewahrt, die Neuen Medien mit einbezogen und mit der Kunstgewerbeschule auch angewandte Lehrgebiete integriert. Zur Zeit sind etwa 680 Studierende an der Münchner Kunstakademie eingeschrieben. Es ist dabei ein Kennzeichen der Münchner Akademie, daß sie bis heute am Ausbildungsprinzip der Klasse festgehalten hat. Freie Kunst, Kunsterziehung und die angewandten Künste werden in jeweils eigenen Klassen unterrichtet, die von einem Künstler geleitet werden und in denen der Student während des gesamten Studiums verbleibt. 

Walter Grasskamp (1999)

leicht gekürzt aus: Walter Grasskamp: 190 Jahre im Zeitraffer. In: 190 Jahre Akademie der Bildenden Künste München. Herausgegeben vom Rektor der Akademie der Bildenden Künste München, Juli 1999

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Das Akademiegebäude

Nach ihrer Gründung im Jahre 1808 war die Akademie zunächst im Wilhelminum untergebracht worden, dem ehemaligen Jesuitenkolleg in der Neuhauser Straße. Trotz Anbauten mußte die bereits früh beklagte Raumnot mit Nebenstellen ausgeglichen werden, die sich über die Stadt verteilten. Erst 1884 bezog sie den von Gottfried von Neureuther entworfenen repräsentativen Bau neben dem Siegestor, an der Grenze zwischen der Maxvorstadt und Schwabing.

1912 wurde das Gebäude an seiner dem Akademiegarten zugewandten Nordseite um eine Aula erweitert. Sie dient der Präsentation zehn wertvoller Gobelins, die der Akademie 1815 von König Max I. geschenkt worden waren und auf deren Formate sie zugeschnitten ist. Die Gobelins sind 1730 in der Manufaktur des französischen Königs Ludwig XV. nach den Fresken Raffaels in der Stanza della Segnatura des Vatikans ausgeführt worden. Unter ihnen befinden sich der „Parnaß“ sowie die „Schule von Athen“.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Akademiegebäude bei einem Bombenangriff schwer zerstört und brannte aus. Mobiliar, Werkstattausstattungen sowie Sammlungen von Kunstwerken, Gipsabgüssen, Kostümen und große Teile des Archivs gingen verloren. Die Bibliothek mit ihren kostbaren Beständen, die bis ins frühe 16. Jahrhundert zurückreichen, wurde in den letzten Kriegsjahren ausgelagert und blieb so weitgehend erhalten.

Neben dem alten Akademiegebäude, dessen derzeitige Sanierung zur 200-Jahr-Feier 2008 abgeschlossen sein soll, entstand in den vergangenen Jahren ein moderner Erweiterungsbau der Architekten Coop Himmelb(l)au, der im Oktober 2005 übergeben wurde.

Fotos: Dieter Rehm

Die Akademie literarisch

München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen Säulentempeln, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen, den springenden Brunnen, Palästen und Gartenanlagen der Residenz spannte sich strahlend ein Himmel von blauer Seide, und ihre breiten und lichten, umgrünten und wohlberechneten Perspektiven lagen in dem Sonnendunst eines ersten, schönen Junitages.

(...) Vor der Akademie der bildenden Künste, die ihre weißen Arme zwischen der Türkenstraße und dem Siegestor ausbreitet, hält eine Hofkarosse. Und auf der Höhe der Rampe stehen, sitzen und lagern in farbigen Gruppen die Modelle, pittoreske Greise, Kinder und Frauen in der Tracht der Albaner Berge.

Lässigkeit und hastloses Schlendern in all den langen Straßenzügen des Nordens... Man ist von Erwerbsgier nicht gerade gehetzt und verzehrt dortselbst, sondern lebt angenehmen Zwecken. Junge Künstler, runde Hütchen auf den Hinterköpfen, mit lockeren Krawatten und ohne Stock, unbesorgte Gesellen, die ihren Mietzins mit Farbenskizzen bezahlen, gehen spazieren, um diesen hellblauen Vormittag auf ihre Stimmung wirken zu lassen, und sehen den kleinen Mädchen nach, diesem hübschen, untersetzten Typus mit den brünetten Haarbandeaux, den etwas zu großen Füßen und den unbedenklichen Sitten.“

aus: Thomas Mann: Gladius Dei. Schwere Stunde

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