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Kult
und Kannibalismus Von
Christoph Wiedemann | Süddeutsche Zeitung, 30 Mai 2008
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Die Akademie der Bildenden Künste in München
begeht heuer ihr 200. Gründungsjubiläum. Der Reigen der Jubel-Veranstaltungen
begann bereits früh im Jahr mit Würdigungen der Architekten und
Goldschmiedeausbildung in der Pinakothek der Moderne. Der Erfolg war
durchwachsen. Die Architekten blamierten sich nach Kräften mit einem
unsäglichen Plagiatsprozess wegen der Verwendung von Kabelbindern für eine
von Studenten entwickelte Installation. Die Goldschmiede hingegen stellten
souverän die Früchte einer langen Entwicklung zur Schau. Die heiße Phase der
Jubiläumsfeierlichkeiten beginnt freilich erst jetzt so richtig mit Eröffnung
der zentralen Schau im Haus der Kunst, die unter dem Titel
"Kraftprobe" im historischen Rückblick die internationale Bedeutung
der Münchner Kunstakademie veranschaulicht und untermauert. Parallel dazu
startet dieser Tage eine Reihe mehr oder weniger gelungener
Zusatzveranstaltungen. Im Rahmen der Diskussionsreihe "Föhn Form Ferstand"
wird ab dem Wochenende bis Mitte Juni diskursiv visioniert. Anschließend wird
es wie immer die traditionelle Jahresausstellung der Studenten in der Akademie
selbst geben.
Der Jubiläumseuphorie geschuldet preschen freilich
zwei der Akademieprofessoren bereits jetzt zusammen mit ihren Studenten mit
ziemlich unterschiedlichen, den gegenwärtigen Zustand der Akademie gleichwohl
anschaulich illustrierenden Ausstellungen nach vorne. Anke Doberauer
veranstaltet mit ihren Schülern eine Art "Kunstmesse" in den Räumen
des leer stehenden Heizkraftwerks an der Müllerstraße 7 (bis 1. Juni),
während die Bildhauerklasse von Stephan Huber (bis 20. Juni) in der vom
altehrwürdigen Berufsverband betriebenen Galerie der Künstler in der
Maximilianstraße 42 gastiert.
Schon lange nicht mehr so viel Spaß gehabt in den
behäbigen Verbands-Hallen! Die Studenten toben mit ihren Arbeiten ebenso
rücksichtslos wie vereinnahmend durch die historistische Architekturkulisse:
Anmutungen, Ambitionen, Drehungen über die fiktiv verlängerte Geschichte
eines Dorfes, das erst innerhalb der vergangenen 100 Jahre zur Stadt mutiert
ist. Gerade noch die Zwiebelchen der Türme der Frauenkirche überragen den
stetig anwachsenden Gletscher, der sich über die Münchner Innenstadt
ausgebreitet hat. Keine Straßenzüge, keine Plätze, keinerlei
städtebaulichen Konturen sind mehr erkennbar. München ist unter Eis erstarrt.
Aufdringlich leise schnarrt ein Generator vor sich hin, damit sich dieser
unsägliche Albtraum immer weiter in die Außenbezirke der Stadt ausbreiten
kann. Aber keine Angst! Alles nur Illusion. Der eisige Albtraum ist nur Modell.
Die stetig wachsende Eislinse kann allenfalls über die Ränder jener
Tischplatte abtropfen, auf der Miniatur-München von Florian Froese, einem der
Studenten der Klasse Stephan Huber an der Münchner Kunstakademie, gebaut
wurde.
Welch fulminant unterkühlter Auftakt für eine
Ausstellung, die sich selbst unter das absurde Motto "6000 Jahre
München" gestellt hat, wo doch jeder weiß, dass München heuer zwar 850
Jahre alt, aber gemessen an den zivilisatorischen Wurzeln der Menschheit
unverschämt jung werden wird. Ein Phänomen, das umkreist wird durch ein
halbgeleertes Glas Weißbier auf der von Inschriften zerschundenen Platte eines
alten Stammtisches. Halbnackte Musen sitzen während einer Performance auf
kupfernen Dachrinnen und lassen Honig unter sich. Das Siegestor schimmelt und
zerfällt auf einer Fotomontage. Ein lässig entspannt sitzender Friedensengel
aus Schokolade frisst sich, von goldener Gewandung befreit, selbst auf.
München zwischen Kult und Kannibalisierung. Großartig! (...)
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