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„Eine Kunstakademie ist ein Ort,
an dem die Zeit angehalten wird“, hat der langjährige Rektor der
Düsseldorfer Kunstakademie, Markus Lüpertz, 1995 bei einer Podiumsdiskussion
in der Münchner Akademie bemerkt. Die angehaltene Zeit bedeutet, daß in einer
Akademie längst verstorbene Künstler als Kollegen und Vorbilder präsent sein
können, aber auch, daß die Akademie angehenden Künstlern einen langen
Zeitraum der Entwicklung gewährt. Zeit ist vielleicht das größte Privileg,
das eine überhitzte Industriegesellschaft zu vergeben hat, und sie ist für
die Kunstausbildung von größter Bedeutung. Kunst ist nämlich eine
anachronistische Arbeitsweise: Anders als in der industriellen Produktion
lassen sich hier Stückzahl und Zeitaufwand nicht synchronisieren, erst recht
nicht bis zum Akkord. Die Qualität der künstlerischen Arbeit läßt sich
nicht mit der Stechuhr oder den Fließbandweisheiten des Taylorismus
sicherstellen. Ist die industrielle Produktion normiert, weil sie Zeiteinheiten
und Stückzahlen parallelisiert, so ist die künstlerische Produktion
unkonventionell, weil sie von einer persönlichen Suche und dem
unvorhersehbaren Moment des Gelingens abhängt, der oft auf Umwegen erreicht
wird.
Jeder schöpferisch tätige Mensch
kennt die Abhängigkeit von diesem Glück des Gelingens, das sich nicht
erzwingen und nur in Grenzen durch Fleiß erarbeiten läßt, und die dazugehörigen
Hängepartien der Orientierungskrisen und des Selbstzweifels. Kunst
unterscheidet sich von allen geläufigen Arbeitsvorstellungen der
Industriegesellschaft; darin liegt eine ihrer wichtigsten Herausforderungen für
alle, die sich in der straff organisierten und rigoros kontingentierten Zeit
der modernen Arbeitswelt bewegen.
Ist die moderne Arbeitswelt jedem Arbeiter und Angestellten
vertraut, bleibt die der Kunst ein Mythos, der ihr – wie in der Romantik –
zum Vorteil ausschlagen kann, im 20. Jahrhundert aber zunehmend zum Nachteil
ausgelegt worden ist. Denn das Spannungsverhältnis der unterschiedlichen
Arbeitswelten nährt einen ebenso populären wie unstillbaren Neid, der sich
weniger an den erfolgreichen Künstlern als vielmehr an den Akademien schadlos
hält. Dabei werden Ressentiments fortgeschrieben, die der Arbeitswirklichkeit
der Kunst nicht gerecht werden.
Die Arbeitsweise der Kunst kann einer größeren Öffentlichkeit
allerdings auch kaum bekannt sein, weil die Kunst mit der Literatur und der
Musik, aber etwa auch mit dem Sport, die antiquierte Eigenschaft teilt,
verborgene Arbeit zu sein: Sie teilt sich nur in ihren Resultaten mit, die
keinen Laien erahnen lassen, um welchen Preis und mit welchem Aufwand sie
erzielt worden sind. Sind die Trainingstorturen des modernen Sports auch dem
Laien geläufig und als Grund für die enormen Einkünfte von Spitzensportlern
nachvollziehbar, so gelten zeitgenössische Künstler als lebenslustige
Spieler, denen einfach zufällt, was sie der Öffentlichkeit
präsentieren, wenn nicht sogar als Scharlatane.
Mit der Kunst verhält es sich so wie
mit dem Fußball: Jeder Zuschauer glaubt, mehr davon zu verstehen als Trainer
und Schiedsrichter oder gar die Spieler auf dem Feld, denen aus der
angeheiterten Westkurve genau voranalysiert wird, was sie hätten tun müssen,
um ein Tor zu erzielen. (...)
Weil Kunst eine verborgene Arbeit
nach eigenen Regeln darstellt, kann der Öffentlichkeit auch nicht recht
sichtbar werden, welchen Gewinn Studenten aus der angehaltenen Zeit ziehen, die
sie an der Akademie verbringen. Als Beruf ohne Berufsbild kennt die
Kunstausbildung in der Moderne nur das unmittelbar erlebte, persönliche
Vorbild, die symbiotische Arbeitsweise in einer Meisterklasse, zwischen einem Künstler,
der sich durch sein eigenes Werk auch außerhalb der Hochschule einen Namen zu
machen hat, und Studenten, die an dieses Werk anknüpfen können. Die pädagogischen
Maßnahmen, die ein Kunstprofessor darüber hinaus zur Geltung bringen kann,
sind Beratung und vor allem die Korrektur, also die Kritik der studentischen
Arbeiten – und die müssen erst einmal vorliegen.
Im Kunststudium geht es um die Suche
nach Anknüpfungspunkten und noch unbesetzte Arbeitsfelder für den Aufbau
eines Werkzusammenhangs, und das ist ein langwieriges Unterfangen. Der
prognostische Wert einer solchen Ausbildung ist zwangsläufig unsicher, und
dieses Risiko tragen die Absolventen persönlich - nach wie vor nehmen sie es
in großer Zahl auf sich.
Walter
Grasskamp (1999)
aus:
Walter Grasskamp: Wozu Kunstakademien? In: 190 Jahre Akademie der Bildenden Künste
München. Herausgegeben vom Rektor der Akademie der Bildenden Künste München,
Juli 1999
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